TRANSSIBIRISCHES TAGEBUCH (5) – Irkustk und der Baikalsee

Städte werden ja immer gern mit anderen Städten verglichen, wie „Beirut – das Paris des nahen Osten“; „Stockholm – das Venedig des Nordens“; „Brügge – das Venedig Zentraleuropas“; „Budapest – das ungarische Wien“ usw.
Ja, also dann ist Irkutsk wohl das Paris Sibiriens – ich meine Venedig Sibiriens kann es trotz Zusammenfluss dreier Flüsse wohl nicht sein. Und der Baikalsee wird auch gerne als Meer oder Ozean bezeichnet. Beide Vergleiche haben durchaus ihre Berechtigungen – die Altstadt von Irkutsk besteht fast ausschließlich aus zwei bis dreistöckigen Jahrhundertwendehäusern mit hübschen Fassaden und Holzhäusern und der Baikalsee hat wirklich unglaubliche Ausmaße. Man kann zwar das gegenüberliegende Ufer schemenhaft erkennen, aber bei schlechterer Sicht könnte man es auch einfach nur für eine Wolkenwand halten. Da hat der Meervergleich durchaus seine Berechtigung – auch wenn der Baikalsee im Unterschied zu jedem Meer Trinkwasserqualität hat (und das Wasser auch tatsächlich in Flaschen abgefüllt russlandweit verkauft wird [und sicher auch in fancy Geschäften weltweit]). Aber das Wasser wird nicht nur in Flaschen abgefüllt zu Geld gemacht, nein, es betreibt auch ein Riesenwasserkraftwerk kurz nach Irkutsk. Das verschafft der Stadt den billigsten Strom Russlands und macht es zur Welthauptstadt der Bitcoin-Schürfer. Von China werden billig Computerbauteile einkauft und in Irkutsk extra Häuser gemietet um die Rechner zu betreiben. Der eine oder andere Irkutsker dürfte damit schon zu viel Geld gekommen sein.

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Irkutsk – Das Kriegerdenkmal und die ewige Flamme für die Helden des 2. Weltkriegs

Aber lassen wir den Bericht zu den Tagen am Baikalsee am Anfang beginnen – bei der Ankunft! Wir erinnern uns – letzter Zwischenstopp in Krasnojarsk, dann einen Nachmittag und eine Nacht im Zug. Einrollen in Irkutsk, dem Tor zum Baikalsee, der nächsten größeren Stadt des Sees (wenn sie auch noch immer 70km im Hinterland liegt), Verkehrsknotenpunkt, Warenumschlagsplatz, Transporthub usw.

In der Eingangshalle wurde ich gleich von Oleg, meinem Guide für die nächsten zwei Tage, mit Schildchen mit meinem Namen drauf in Empfang genommen und habe meine zwei Mitreisenden, zwei Norwegerinnen, kennengelernt. Zusamme gings dann mit einem Allrad-Mitsubishi-Mini-Bus erstmal Richtung Norden um dann nach endloser, grasgrüner (weil eben sehr grasiger) Steppenlandschaft mit Kuh- und Pferdeherden irgendwo Richtung See abzubiegen, dann mal ewig durch Nadelwälder zu fahren, die befestigte Straße zu verlassen und auf einer Schotterpiste weiter durch karges Grasland bis wir das steinige Baikalseeufer erreichten.
Das war auch das Ziel unserer Reise – die Bucht des Kreuzes. Irgendwo im gefühlten Nirgendwo. Aber noch immer mit Schotterpistenanbindung zur Außenwelt, aber ohne Handyempfang, fließend Wasser (braucht auch keiner beim größten Süßwasserreservoir der Welt) und Strom. Dafür mit ein paar kleinen gemütlichen Holzhütten, Außenklos, Kühen, Pferden und Wanderwegen. Und einer Ruhe, die einem das Surren der Mosiktos schon als Lärmbelästigung empfinden lässt. Ok, Moskitos sind immer eine Belästigung und eine Lärmbelästigung sowieso. Dann hat eben das Schnauben der Pferde oder ein falscher Tritt einer Kuh schon zu viel Lärm gemacht.
Die Landschaft kann man wirklich nur als karg bezeichnen – steile Felsen ragen am Ufer empor, mit einem zarten grünen Flaum. Der Boden ist sandig, es gibt kaum eine Erdschicht. Die Grasbüschel wachsen zwar, aber in relativ großen Abständen zu einander. Und dazwischen ein paar kleine Blümchen – nichts über Knöchelhöhe. Wilder Knoblauch zum Beispiel, und Enzian, und Edelweiß und Lavendel, Rhabarber…ein paar Flechten und Moose. Die vereinzelten Bäume sind allesamt auch keine Riesen.

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Die Landschaft ist karg

Von unsere Hütte aus sind wir zu einer Wanderung zu weißen Marmorfelsen mit Steinmalereien aufgebrochen. Oleg hat sich dabei nicht unbedingt an die ausgetretenen Wege gehalten, sondern hat sich an den wenigen Bäumen orientiert und ist quer Feld (also…ähm…quer Steppe) ein gelatscht. Der See hat dabei stets unter uns geglitzert und die Moskitos waren ständig versucht mich auszusaugen. Nur mich! Und geht man nach den Düppeln und dem wie es jetzt noch juckt, haben es auch viele von ihnen trotz hoher Verluste in den Moskitoreihen geschafft.
Belohnt wurden wir für unsere Wandersmühen mit einem atemberaubenden Panorama und anschließend einem warmen Borscht.

Während wir gewandert sind, hat die Hüttenwirtsfamilie Tannenzapfensirup/marmelade angesetzt. Dafür werden die jungen, noch grünen Tannenzapfen gepflückt, in einem Glas mit ein bisschen Wasser und ein bisschen sehr viel Zucker bedeckt und anschließend eine Ewigkeit gekocht. Die Tannenzapfen werden dabei weich und der Sirup bernsteinfarben. Den Tannenzapfensirup kann man dann in den Tee geben, aufs Brot streichen und ein Allheilmittel ist es praktischer Weise auch noch. Der Sirup schmeckt harzig und gut, nach Wald. Die Tannenzapfen schmecken genauso wie sie aussehen – ich glaube man sollte darauf verzichten nach dem Kochen noch auf ihnen herumzukauen. Aber die Russen machen das und finden es gut. Ähm ja…

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Am Baikalsee: Kein Handyempfang, aber dafür ganz viel Gemütlichkeit

An Tag 2 haben wir dann den Hügel des Kreuzes in der Bucht des Kreuzes erklommen (wieder mit Frontalanstieg und nicht über den ausgetretenen Weg), aufs Wasser geschaut und einer Gruppe Wanderreiter beim Einfangen und Fertigmachen der Pferde zugeschaut. Ja, Reiten könnte man hier auch…und Mountainbiken auch. Und Wandern auch für Tage, Wochen…und nicht nur ein paar Stunden. Oder einfach nur die Hängematte zwischen zwei Hütten (den Bäumen würde ich hier nicht trauen) aufspannen und lesen. Badeurlaub ist nur etwas für ganz Tapfere und leidenschaftliche Eisschwimmer – ich hab meine große Zehe in den See gehalten und für zu frostig befunden.

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Der Baikalsee

Adler kreisen hier übrigens genauso oft über einem wie Tauben in der Wiener Innenstadt! Ihre Flügelspannweite ist gewaltig und ihr Gefieder glänzt bräunlich. Ja, es wäre an der Zeit mir ein Bestimmungsbuch für Flora und Fauna zuzulegen – Beschreibungen wie „ein Eichhörnchen mit Streifen am Rücken“, „gelbe Blumen mit kleinen Blättern“ und „Adler mit braunem Gefieder“ sind nicht sehr akkurate Bestimmungen der Art. Aber genauer kann ich mich leider nicht ausdrücken.

Ja und dann ging es wieder zurück nach Irkutsk City – immer wieder mit kurzen Stopps wenn es gerade eine Kuhherde vorzog über die Straße zu spazieren.

Und weil der See so schön war und Oleg so ein guter Guide, geht’s morgen gleich wieder mit ihm los – diesmal auf die Insel Olchon.

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Weiterführende Informationen:
Free Walking Tour Irkutsk
Wer mehr über Irkutsk, seine Geschichte, Bewohner und Lokale wissen möchte, dem sei eine Free Walking Tour angeraten. In zwei / zweieinhalb Stunden führen Dimitriy oder seine Frau Natasche einen durch die Stadt und erzählen dabei unheimlich spannende Geschichten. Wusstet ihr zum Beispiel, dass am Irkutsker Kriegerdenkmal für den 2. Weltkrieg nur die mit Orden dekorierten Kriegshelden vermerkt sind und nicht die Gefallenen?
Der Link zur Homepage: irkutskfreetour.ru

Touren an den Baikalsee
Die Auswahl an Touranbieter an den Baikalsee ist überschaubar. Auf die Empfehlung eines Wanderers in Krasnojarsk, habe ich mich an BAIKALER gewendet und war sehr zufrieden! Die Tatsache, dass ich gleich zwei Touren mit ihnen gebucht habe, spricht wohl für sich. Und Extrawünsche können sie auch erfüllen.
Der Link: baikaler.com

Baikalsee

StepMap Baikalsee

 

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