TRANSSIBIRISCHES TAGEBUCH (6) – Der Baikalsee und die Insel Olchon

Wie schon im letzten Bericht erwähnt, hat sich Oleg als Guide wirklich hervorgetan und als er meinte seine nächste Tour würde ihn auf die Baikalsee Insel Olchon führen, schloss ich mich dem gerne an.

Die Insel Olchon ist nur per Fähre erreichbar und hat auch kein asphaltiertes Straßennetz, sondern nur Staubpisten. Zur Zeit der Sowjetunion gab es hier eine große Fischfabrik in der Omul (wird hier besonders gern geräuchert gegessen), arktische Äsche (hat eine Fettflosse und ist deshalb recht beliebt) und Baikal Stör (eh klar – Kaviar) verarbeitet wurden. Der Staat stellten den Bewohnern (die alle samt in der Fabrik oder im Fischfang arbeiteten) Häuser zur Verfügung und einen wunderschönen Diesel-Generator zur Stromversorgung. Wenn man schon auf einer Insel in Sibirien wohnt, auf der die Temperaturen gerne mal unter minus 30 Grad fallen UND dazu auch oft noch ein eisiger Wind dazukommt, dann ist es nur fair, dass diese Annehmlichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Aber nicht alle Arbeiter der Fischfabrik waren freiwillig hier – viele waren auch Insassen des Gulags der Fischfabrik. Eine Insel in einem eiskalten See Mitten in Sibirien. Der Ideal Ort für ein Straflager. Fluchtgefahr gleich Null.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Fabrik geschlossen und der Diesel-Generator war auch Geschichte – und damit auch die Stromversorgung. Und die Arbeitsplätze der Bewohner. Bis 2005 (!!!) blieben sie stromlos und erst dann wurde ein Stromkabel von Land auf die Insel verlegt. Fließend Wasser und einen Abwasserkanal gibt es für die Haushalte bis heute nicht. Das Wasser wird noch immer mit dem LKW angeliefert und das Abwasser abgepumpt.

Da es auf einer Insel mit alternativen Arbeitsplätzen nicht so einfach ist, begannen sie Guesthouses zu bauen und aus den Fischern und Arbeitern der Fischfabrik wurden fast ausnahmslos alles Touristiker. Und der Tourismus läuft auf Grund der Naturschönheiten die die Insel zu bieten hat, ganzjährig (ja, windige minus 30 Grad sind sehenswert!) ganz ausgezeichnet. Sei es um einfach nur die Schönheit der Insel zu bewundern und die Ruhe, um Rad zu fahren, zu wandern, Kajak zu fahren usw. Auf der Insel gibt es keine Bären, Wölfe oder Füchse und damit ist wildes Campen auch sehr beliebt. Das ist nachdem man eine Erlaubnis bei der Nationalparkverwaltung eingeholt hat, auch legal.
Von den 2.000 Bewohnern der Insel, wohnen auch beinahe alle in der „Stadt“ Khuzir. Den anderen Ansammlungen von 3 Häusern haben sie zwar auch Ortsnamen gegeben, aber das Siedlung oder Ort zu nennen, ist eine maßlose Übertreibung.
Der kommerzielle Fischfang ist im Baikalsee auf Grund der drastisch gesunkenen Fischbestände heute verboten. Nur zu privaten Zwecken darf Fisch aus dem See geholt werden. Die zahlreichen geräucherten Omuls lassen einen aber in Frage stellen wie genau das genommen wird.

Am Weg zur Insel kamen wir immer wieder an auffälligen Holzpflöcken, geschmückt mit bunten Bändern vorbei und haben auch daran Halt gemacht. Die Baikalregion war früher Nomadenland und für die Nomaden markierten die Holzpflöcke Rastplätze, die Pferde wurden dort angebunden und für andere Nomaden mit bunten Bändern Nachrichten befestigt. Nomaden-WhatsApp also quasi. Und heute noch ist es Land der Schamanen/des schamanischen Glaubens. Das heißt es werden keine Nachrichten mehr für andere Reiter hinterlassen, sondern Opfergaben (Kekse, Zuckerl, Münzen, Zigaretten, bunte Bänder…) für die Erde. Oder Tieropfer. Nahe des einen Pflocks waren ein Schaf, eine Gans und ein Nagetier aufgespießt worden und schon ziemlich vertrocknet bzw. man sah deutlich die Fraßspuren von Aasfressern.
Und auch wenn nicht alle Vorbeikommenden Anhänger des Schamanismus sind, so pflegen sie die Tradition des Hinterlassens von Opfergaben nur allzu gern. Das heißt die Pflöcke sind über und über mit Bändern bestückt und daneben sind die Süßigkeiten, Zigaretten und Münzen zu kleinen Hügeln auf geschlichtet. Alles in allem ein sehr dankbares Fotomotiv Mitten in der sibirischen Steppe.

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Die Pflöcke waren einst dazu gedacht Pferde bei einer Rast anzubinden

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Ist das der Windows Bildschirmhintergrund? Nein – das ist Sibirien!

Für unsere Exkursion um die Insel stand UAZ-452 bereit – der Pinzgauer unter den russischen Autos oder der geländegängige VW-Bulli (so sieht er nämlich auch ein bisschen aus, wobei der standardmäßig nicht in beige ausgeliefert wird, sondern grau). Ein Traum von einem Auto! Vierradantrieb, seit 1965 bei der Russischen Armee im Einsatz, wird auch heute noch ohne großen Schnickschnack gebaut (also ohne Airbags und Heizung) und genauso ausgeliefert. Ein Auto, dass man noch selber reparieren kann – im Internet gibt’s die Anleitung als PDF. Warum ich das weiß? Vielleicht weil ich gegoogelt habe ob es das Auto auch für den europäischen Markt gibt. Und das tut es. In Prag und in Deutschland gibt es Händler dafür. Hier der Link zur Herstellerseite: uaz.ru Und 8.700EUR kostet er neu in der Basisausstattung und die Bauanleitung gibt’s gleich dazu.

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Der UAZ 452

Ja und das Auto war auch wirklich nötig für die Fahrt durch den Nationalpark! Teileweise waren die Pisten so ausgefahren, dass sie nur noch aus tiefen Furchen und Löchern bestanden. Außerdem musste er auch Steigungen auf sandigen Untergrund meistern. Aber für einen UAZ-452 alles kein Problem!
Unser Fahrer hat sich doch etwas Luxus im Auto gegönnt und einen Radio eingebaut und Anfangs dramatische, traurige Lieder des Männerchors der roten Armee gespielt. Eine herrliche Untermalung für die Fahrt durch den sibirischen Nadelwald. Dann hat er sich aber doch für die Rock Klassiker der letzten 100 Jahre entschieden…

Bei besten Wetter sind wir also auf der Insel herumgekurvt, haben die Aussicht am Sandstrand, im Wald und von Klippen aus genossen und festgestellt, dass es wirklich aussieht wie am Meer und der Vergleich schon seine Berechtigung hat. Wir sind Klippen hinaufgewandert, durch die Steppe gedüst, habe eine Baikalrobbe in der Ferne gesehen und Mittags hat unserer Fahrer Fischsuppe mit Omul und gerade eben gesammelten Kräutern (Dill war keiner dabei!!!) am Gaskocher in einer kleiner Bucht gemacht. Dass es bei dem Ausblick und bei der frische der Zutaten eine ganz ausgezeichnete Fischsuppe war, könnt ihr euch denken.

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Dort hinterm Auto köchelt sie – die denkbar beste Fischsuppe

Das Wasser des Baikalsees ist so klar, dass man wenn man oben auf den Klippen steht, die sagen wir mal 120 Meter hoch sind, und unten ein Vogel taucht, man diesen auf der Klippe stehend bei seinem Tauchgang noch ganz genau sieht. Unglaublich!

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Der Baikalsee in seiner atemberaubenden Schönheit

Nach unserer Rundfahrt hat es Oleg doch tatsächlich geschafft Kajaks und einen Guide für uns zu organisieren! Wooooohoooo! So haben ich den Tag mit einer Kajakrunde um eine von Möwen (die gerade flauschige, noch recht tapsige Babymöwen hatten) bevölkerte Insel und kleinen Höhlen in die man hineinfahren konnte, einer Runde durch die Bucht und um die sogenannte Krokodil-Insel (diese teilen sich die Möwen mit Kormoranen) in der schönsten Abendsee mit einem spiegelglatten See beendet. Ja, schon alleine das war die Reise nach Sibirien wert. Wobei mir der Gedanke einer Umrundung der Insel Olchon mit dem Kajak auch sehr gut gefallen würde…wer weiß…wer weiß…

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Abendstimmung am Baikalsee

Außerdem haben sowohl Oleg als auch unser Fahrer mehrmals von der Schönheit des Sees im Winter bei geschlossener Eisdecke erzählt und für eine Wintertour geworben. Mitte Februar bis Mitte März wäre da die ideale Zeit, da die Eisdecke dann über einen Meter hätte und überall mit dem Auto befahrbar wäre. Die Temperaturen wären gar nicht so schlimm, meinen sie, aber das will ich ihnen nicht so recht glauben.

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Weiterführende Information:
Touren an den Baikalsee
Die Auswahl an Touranbieter an den Baikalsee ist überschaubar. Auf die Empfehlung eines Wanderers in Krasnojarsk, habe ich mich an BAIKALER gewendet und war sehr zufrieden! Die Tatsache, dass ich gleich zwei Touren mit ihnen gebucht habe, spricht wohl für sich. Und Extrawünsche (Wintertouren, Kajaktouren, Mountainbikes…) können sie auch erfüllen.
Der Link: baikaler.com

Baikalsee

StepMap Baikalsee

 

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