TRANSSIBIRISCHES TAGEBUCH (4) – Krasnojarsk

Etappe: Krasnojarsk – Irkutsk
Kilometer: 4.065 bis 5.185km
Zughaltestellen: Krasnojarsk – Illanskaya – Tajset – Nizneudinsk – Zima – Irutsk

Der Zug rollt wieder! Diesmal in 1 ½ Tagen (ein Nachmittag und eine Nacht – Ankunft 7:35Uhr Ortszeit) von Eisenbahnkilometer 4.065 (Krasnojarsk) nach Kilometer 5.185 (Irkutsk). Damit liegt dann etwas mehr als die Hälfte der Strecke Moskau – Wladiwostok hinter mir.

Und jeder neue Zug, bringt auch neue Entdeckungen mit sich: diesmal hat mein Abteil einen Fernseher! Zwei russischsprachige Programme stehen zur Auswahl und so gebannt wie mein Abteilkollege auf den Bildschirm starrt, dürfte das gezeigte spannend sein.

Was sich gerade vor dem Zugfenster tut? Um Krasnojarsk ist es hügelig geworden und die Bahntrasse war gesäumt von Datschas, nichts als Datschas. Kleine Datschas, große Datschas, Datschas aus Backstein, bunt gestrichene Datschas, vertäfelte Datschas, hölzerne Datschas, alte Datschas, neue Datschas, Datschas mit Spitzdach, Datschas mit geschwungenem Dach, Datschas mit mit verschnörkelten Holzschnitzereien eingefassten Fenstern, Datschas ohne eingefassten Fenstern – aber alle samt mit einem Zaun rundherum und einem gepflegten Gemüsegarten. An einem Datscha-Bahnhof (an dem der Zug nur vorbeigerollt ist und keinen Halt gemacht hat) standen unzählige Menschen in kurzen Hosen und mit großen Säcken voller Gemüse die sie scheinbar gerade dabei waren in ihre Stadtwohnungen zu transportieren.
Danach – Nadelwald (mit Birken dazwischen versteht sich), Felder und Blumenwiesen mit auffälligen lila und gelben Blumen (tjaaaaa…da sollte man jetzt die Namen kennen – also…ähm…hüstel…also so hübsche Blumen eben…ähm ja…ihre Blätter sind recht klein, aber so wachsen doch recht hoch…hüstel).
Das Hügelige kommt von den Ausläufern der Sayan Bergkette, die als Grenze zwischen Russland und der Mongolei gilt. Und in diesen hügeligen Ausläufern soll es auch einen schönen Nationalpark in Krasnojarsk geben mit wunderbaren Felsformationen vulkanischen Ursprungs zu deinen man gemütlich in eineinhalb, zwei Stunden wandern kann. So weit die Theorie!

Ich habe mich wirklich schon auf die Wanderung durch den sibirischen Nadelwald gefreut, aber es sollte nicht sein. Der Park ist bis Ende Juli für Besucher geschlossen. Warum? Zu gefährlich! Was denn da so gefährlich ist, dass man lieber auf die Eintrittsgelder verzichtet, als Wanderer wandern zu lassen? Bären! Mamabären sind gerade zahlreich mit Babybären in der Gegend unterwegs und vor ein paar Tagen dürfte sich so eine Bärenmama vor Wanderern unweit des Besucherzentrums aufgebäumt und ihr Revier markiert haben. Passiert ist nichts, aber der Vorsicht halber wurde der Park gesperrt. Kann man nichts machen! Oder mit etwas Vorausplanung schon, aber leider nicht spontan – man könnte einen Parkranger mit Gewehr bezahlen, dass er einen bei der Wanderung begleitet…wäre eine pragmatische Lösung.
Ich habe mich für eine andere entschieden – ich bin in das an den Stolby Nationalpark angrenzende Skigebiet gefahren, haben den (Doppelmayr) Sessellift nach oben genommen und von dort die Aussicht auf den Wald und die Felsen in der Ferne genossen. Und man konnte auf Waldwegen etwa 500 Meter in die eine und 500 Meter in die andere Richtung wandern – besser als gar nicht wandern. Und gestreifte Eichhörnchen mit Sonnenblumenkernen füttern.
Auf die Sommernutzung des Skigebiets verstehen sie sich ganz ausgezeichnet – es gibt ein Schwimmbahn eine, Rodelbahn (die auch auf Russisch Rodlbahn heißt) und eine Zipline. Und das Angebot wird von der Bevölkerung auch angenommen. Von mir nur die Zipline.

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Zipline im Stolby Nationalpark


Mit Krasnojarsk haben es sowohl die Zaren als auch die Sowjets sehr gut gemeint – die Stadt wurde ausnahmsweise nicht erst mit dem Bau der Transsib gegründet, sondern ist schon älter. Gründungsjahr 1628 um genau zu sein. Von dem „früher“ gibt es noch ein paar Holzhäuser im Stadtzentrum, aus der Zarenzeit Jahrhundertwendehäuser wie in Wien und rote Backsteinhäuser, von den Sowjets ganz ansprechende Bauten im Stil der 1920er Jahre. Damit wirkt die Stadt wesentlich netter als zum Beispiel Nowosibirsk. Auch sind die Häuser nicht soooo hoch und die Boulevards nicht soooo breit.

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Krasnojarsk: Ein schönes Backsteinhaus

Außerdem gibt es eine sehr nette Uferpromenade entlang des Jenisseis (ein Fluß, an seiner breitesten Stelle in Krasnojarsk 2 Kilometer breit), mit Rad- und Tretbootverleihen, Lokalen, fixen kleinen Bühnen auf denen abends Bands auftreten und zahlreichen Foodtrucks. Überhaupt würde ich Krasnojarsk die Stadt der Foodtrucks nennen. Die Kette „Ludwig 64“ hat in der ganzen Stadt bunt gestrichene VW-Bullis verteilt und brüht in denen ausgezeichneten Kaffee. Aber das sind nicht die einzigen im mobilen Essensbusiness – andere verkaufen Wraps, Schaschlik, Eis oder eben auch Kaffee und Smoothies.

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Krasnojarsk – die Stadt der hippen Food-Trucks


In der Früh im Hotel musste ich feststellen, dass das Kaltwasser nicht mehr rinnen wollte und so duschen nicht möglich war, weil das Warmwasser einen verbrüht hätte. Und die Klospülung hat auch nicht mehr funktioniert. Die Dame an der Rezeption ist für ihr Krisenmanagement zu bewundern – ohne mit der Wimper zu zucken oder dass es ihr irgendwie unangenehm gewesen wäre hat sie mir mitgeteilt, dass es bis am Folgetag kein Wasser geben würde, da der ganzen Stadt das Wasser abgestellt wurde. Ähm ja…eh. Gut, dass Mittags unser Zug gegangen ist. Fürs Klo hat sie mir einen Kübel gebracht.

Was man eigentlich so den ganzen Tag im Zug macht? Aus dem Fenster schauen, lesen, schlafen, essen, Kaffee trinken, Tee trinken, Wasser trinken, aufs Klo gehen, weiter Kaffee, Tee und Wasser trinken, naschen, schreiben, Sudokus lösen, im Reiseführer nachlesen wo man gerade ist, auf Google Maps verfolgen wo man gerade ist, die GoPro zum Fotografieren positionieren, in den Taschen herumräumen, zum 100x am Gang nachschauen gehen wann der nächste Halt ist, wo und wie lange (um dann im Reiseführer über den Ort nachzulesen), essen, schlafen und aus dem Fenster schauen. Es ist sehr gemütlich, ruhig und monoton.

Ob die Russen inzwischen alle vodkazwitschernd in ihren Abteilen Karten spielen? Nein, gar nicht. Auf den Bahnhöfen herrscht Alkoholverbot und ich glaube so weit ich das verstanden hab, dürfen sie einen aus dem Zug verwerfen, wenn man betrunken ist. Und auch auf den Straßen – die Russen sind nicht dauerbetrunken. Im Gegenteil. Ich meine keine Ahnung was sie zu Hause machen und in den endlosen Weiten Sibiriens auf Bärenjagd; aber auf der Straße und im Zug saufen sie nicht. Sie verhalten sich genauso wie wir und machen auch mehr oder weniger das gleiche die liebe lange Zugfahrt lang. Eine Russin hab ich stricken gesehen, aber das wars auch schon.

Wie gesagt – Kaffee und Tee trinken wechseln sich mehr oder weniger ab. Jetzt ist wieder Zeit um für heißes Wasser zum Samowar zu schleichen.

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Weiterführende Informationen:
Stolby Nationalpark
Den Stolby Nationalpark kann man von Krasnojarsk aus mit dem Bus Nummer 50 erreichen. Von Besucherzentrum aus gibt es einen gut markierten Weg zu den Felsformationen.

Transsibirische Eisenbahn

StepMap Transsibirische Eisenbahn

 

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