TRANSSIBIRISCHES TAGEBUCH (3) – Nowosibirsk, geheime Städte und eine kleine Geschichtsstunde

Etappe: Nowosibirsk – Krasnojarsk
Kilometer: 3.303km bis 4.065km
Zughaltestellen: Nowosibirsk – Tajga – Marijnsk – Acinsk – Krasnojarsk

Ich sitze wieder im Zug! Heute Nacht geht es von Nowosibirsk nach Krasnojarsk, der Heimatstadt von Helene Fischer und der russischen Atom- und Rüstungsindustrie.
Geplant war dieser Zwischenstopp nicht, aber da es die nächsten Tage keine Tickets mehr bis Irkutsk mehr gab, habe ich mich für diesen Halt entschlossen.
Das Internet meint, dass es neben einer sehenswerten, gar malerischen Stadt in der Mitte Russlands auch einen schönen Nationalpark zu sehen gäbe. Im zweiten Weltkrieg wurde es zu einem wichtigen Zentrum für die Militärforschung und war damit jahrelang für Ausländer Tabu. Noch heute sind zwei Städt(chen) Kransnojarsk 26 und 45 geheim – oder – also ich meine wenn das Internet und der Reiseführer davon wissen, ists ja nicht mehr geheim, aber eben…ähm…geheim, Sperrgebiet, vermutlich nicht in Google Maps.

Wikipedia weiß natürlich mehr zu den geheimen Städten. Korrekterweise spricht man von einer geschlossenen Stadt, das heißt eine Stadt mit Reise- und Aufenthaltsbeschränkungen sowohl für Russen als auch für Ausländer, in keiner frei erhältlichen Landkarte vermerkt und mit Zäunen und Sicherheitskräften abgeschirmt. Warum das ganze Tamtam? Weil es militärische Stützpunkte oder nukleare und/oder rüstungstechnische Forschungsstädte sind. Zur Zeit der Sowjetunion war es oft auch den Einwohnern verboten ihre Stadt zu verlassen und vor Familie und Freunden wurde ihr tatsächlicher Wohnort verschleiert. Nicht von ungefähr heißen die zwei Städte Krasnojarsk 26 und 45 – weil diese größere Stadt eben in der Nähe liegt. Und sogar die Straßennamen waren denen in Krasnojarsk City nachempfunden, damit auch wirklich keiner Verdacht schöpft. Aber, das alles nur so am Rande. Denn wie gesagt – geheim und so – das heißt dort komme ich nicht hin.

Vielleicht erzähle ich lieber von einer Stadt in der ich tatsächlich war – Nowosibirsk!
Schon beim Einrollen in die Stadt, haben wir das mit Hochhäusern gesäumten Ufer des Ob-Flusses gesehen und Menschen die am dortigen City Beach baden. Und ja, es war heiß in Nowosibirsk! 30 Grad! Würde man sich so in Sibirien nicht erwarten!
Nowosibirsk ist zwar wirtschaftlich eine wichtige Stadt, aber zur neuen Touristenmetropole wird sie in den nächsten Jahren nicht aufsteigen! Die Damen an der Rezeption des Hotels hat mich recht ungläubig angeschaut, als ich gefragt habe was denn hier sehenswert wäre und ob sie einen Stadtpläne hätte (was sie nicht hatte). So viele Transsibreisende bewegt der große Name wohl scheinbar doch wieder nicht zum Aussteigen…auch wenn der Bahnhof von Nowosibirsk einer Lokomotive nachempfunden ist (mit viel Phantasie) und gerade unlängst neu gestrichen wurde.
Da es keine Empfehlungen gab, habe ich mich an den Reiseführer gehalten – wobei der Autor definitiv noch niemals selber in Nowosibirsk gewesen ist. Lenin-Denkmal das eigentlich für Berlin gedacht war, aber dann doch zu wuchtig und imposant war – Check; kleine Kapelle in Erinnerung an die Zaren-Familie – Check; die zwei sehenswerten Metro-Stationen mit Glasfenster – Check; vorbei an der Oper und am Theater – Check; Spaziergang am Ob-Fluss vorbei am kleinen Vergnügungspark – Check; Transsib-Brücke – Check.

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Das Lenin-Denkmal von Nowosirbirsk

Vor dem deutschen Konsulat wollte man mir ein Visum nach Deutschland verkaufen, das haben ich dankend (nein, nicht mal dankend eher wortlos) abgelehnt.
Nowosibirsk ist keine hässliche Stadt, auch nicht charakterlos; die Lebensqualität ist nach dem was man vom Durchspazieren so sagen kann, sicher sehr gut – ich sag nur kleiner Vergüngungspark am Fluss und City Beach. Aber wie gesagt – das neue St. Petersburg ist Nowosibirsk nicht.
In einem Nebengebäude des Bahnhofs befindet sich ein Transsib-Museum mit Bildmaterial zur Geschichte der Transsib, ihrem Bau, ihrer Rolle in den beiden Weltkriegen. Außerdem gabs Modelle von Triebwägen, Bahnhöfen, alte Uniformen, Auszeichnungen die man sich rund um die Transsib-Strecke verdienen konnte, alte Fernmeldeausstattung des Zuges usw. Alles in einem Raum; aber sehr nett und gut aufbereitet. So weit ich das beurteilen kann. War nämlich alles auf Russisch!  Man hat mich recht freudig und freundlich begrüßt, der nette Herr hat mir kurz auf Englisch erklärt was es in dem Raum zu sehen gibt und wo, hat mich dann mir selbst überlassen und ich haben mir den Rest zusammengereimt. Besuchermagnet dürfte auch das Museum keiner sein – dem Kassabuch nach das der nette Herr mit akribischer Genauigkeit geführt hat, war  ich der erste Besucher seit 2 Tagen…

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Angekommen: In Nowosibirsk bei 30Grad!

Ja wie geht sie nun die Geschichte der Transsibirischen Eisbahn? Seit wann gibt es sie und wie ist man nur auf diese Idee gekommen?
Die erste Zugstrecke in Russland war  23 Kilometer lang und verband ab 1837 St. Petersburg mit dem Zarenschloss im Vorort Pavlovsk.
Ende des 19. Jahrhunderts war die Verbindung quer durch die USA fertiggestellt und das weckte das Interesse von Zar Alexander III an einem eigenen Großprojekt. Sein Ziel war es den Osten besser ins russische Reich zu integrieren, die Rohstoffvorkommen Sibiriens zu erschließen, mit dem Transportkorridor besser beim Welthandel mitmischen zu können, neue Gebiete für die russische Industrie erschließen und Sibirien zu besiedeln usw.
Baubeginn war Ende des 19. Jahrhunderts – der aller, aller letzte Streckenabschnitt wurde 1916 fertiggestellt. Aber ich glaube man kann sagen, dass ab Beginn des 20. Jahrhunderts die Züge von West nach Ost und Ost nach West rollten.
Um schneller voranzukommen wurde der Bau im Westen und im Osten gleichzeitig begonnen – wobei Sibirien und die Tatsache dass auf Grund der Temperaturen und des Schnees Bauarbeiten dort nur in wenigen Monaten des Jahres möglich waren, das Nadelöhr war.
Ja und die Ziele des Zars wurden, wenn man sich die Städte entlang der Trasse so ansieht voll und ganz erfüllt. Die Einwohnerzahl Sibiriens hat sich innerhalb kürzester Zeit vervielfacht und vom Rohstoffreichtums des Urals hab ich euch ja schon berichtet und die Einwohnerzahlen der Städte sprechen auch eine deutliche Sprache.

Noch zu den alltäglichen Dingen – mein Dill-Konsum in den letzten Tagen übersteigt bei weitem meinen Dill-Konsum in meinem ganzen bisherigen Leben! Dill passt scheinbar zu allem – zu Erdäpfeln, zu gefüllten Teigtaschen, zu Nudeln, zu Salat, zu Käse, zur Eierspeise…sollte ich ein dillloses Gericht finden, werde ich davon berichten!

So, in meinem Abteil wurde mittlerweile das Licht abgedreht und die Betten aufgeklappt…Zeit zu schlafen!
Gute Nacht!

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Weiterführende Informationen:
Hotel Nowosibirsk:
Marins Park Hotel
Das Marins Park Hotel in Nowosibirsk liegt wie die selbe Niederlassung der Kette in Jekaterinburg direkt gegenüber des Bahnhofs. Solide 4-Sterne, englischsprachige Rezption, gratis Wäscheservice, passables Frühstücksbuffet usw.

Geschichte der Transsibirischen Eisenbahn
Du möchteste weitere Informationen zur Geschichte der Transsibirischen Eisenbahn?
Radio Wissen von Bayern 2 hat eine schöne Podcast-Folge zum Mythos Transsibirische Eisenbahn veröffentlicht – zum Nachhören: BR Podcast – Die Transsibirische Eisenbahn

Der Artikel aus der Zeit, stammt zwar schon aus dem Jahr 1992, aber die geschichtlichen Hintergründe zur Transsib und deren Bedeutung sind heute noch aktuell – Zeit Online / Die Transsib von Wolfgang Plat

Geschlossene Städte
Das Thema „geschlossene Stadt“ hat deine Neugierde geweckt? Ehemalige geschlossene Städte sind unter anderem auch Wladiwostok, Sewastopol und Kaliningrad. Wie immer war jemand so nett und hat auf Wikipedia alle Infos zusammengetragen – Wikipedia: Geschlossene Stadt

Transsibirische Eisenbahn

StepMap Transsibirische Eisenbahn

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