TRANSSIBIRISCHES TAGEBUCH (2) – Jekaterinburg oder das Ende Europas

Etappe: Jekaterinburg – Nowosibirsk
Kilometer: 1.778km bis 3.303km
Zughaltestellen: Ekaterinburg – Tjumen – Omsk – Barabinsk – Nowosibirsk

Aktueller Standort: irgendwo in Sibirien zwischen Kilometer 2.790 und 2.880. Die Grenze Europa – Asien habe ich kurz vor Jekaterinburg überschritten, die nach Sibirien kurz vor dem Bahnhof Tjumen.
Ich sitze also wieder im Zug…seit mittlerweile…ähm…einer Nacht und einem Vormittag. Einen halben Tag wird es nach Nowosibirsk noch dauern. Die Zeit habe ich mittlerweile 5x um eine Stunde nach vorne gestellt (die eine Stunde plus für Wien/Moskau mitgerechnet). Der Uhr im Zug läuft nach wie vor nach Moskauer Zeit, was etwas verwirrend sein kann, was die Abfahrts- und Ankunftszeiten betrifft, da man immer nachrechnen muss.

Ich muss ein paar Korrekturen bzw. Ergänzungen was meinen ersten Bericht zur Zugausstattung betrifft machen – mein jetziges Abteil hat zwei Steckdosen! Halleluja! Und es gibt WLAN! Aber das ist leider um nichts besser als das am Handy – aber was will man Mitten im Nichts? Und wenn ich davon ausgehe, dass es immer dort wo ich Handyempfang habe, auch eine Siedlung gibt, auch wenn ich sie nicht sehen kann, dann ist Sibirien gar nicht so wenig dicht besiedelt. Außerdem lagen diesem Zug Schlapfen und ein Zahnputzset für mich bereit, und eine Zeitung…und es wurde am Abend ein kleines Jauserl serviert. Ob ich nun 1. Klasse reise? Nein, ist wieder die 2. Klasse, aber scheinbar ein besserer Zug.
Wie ich überhaupt immer zu meinen Tickets komme? Na im Internet! Wie sonst? Man kann die Tickets ganz bequem auf der englischen Seite der russischen Bahn online kaufen, sich am Wagenplan sein Platzerl aussuchen und bekommt dann ein eTicket. Da es üblich ist, dass die Zugbegleiter die Tickets absammeln um einen bei seiner Haltestelle wecken zu können (oder einen einfach darauf aufmerksam machen, dass man jetzt dann aussteigen muss), muss man am Bahnhof noch zum Ticketautomaten gehen, seine Bestellnummer eintippen oder den eTicket-Barcode scannen und es dort ausdrucken. Alles ganz einfach!

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Jekaterinburg

Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Ich habe in Jekaterinburg (und Umland) zwei Tage Zwischenstopp gemacht. Jekaterinburg hat etwa 1,3 Millionen Einwohner und ist eine Industrie- und Universitätsstadt am Ural. Traurige Berühmtheit erlangte sie, weil die Zaren-Familie im Russischen Bürgerkrieg 1918 dort Zuflucht suchte und schließlich ermordet wurde.
An Tag 1 habe ich mir Jekaterinburg angeschaut – die Skyline um den kleinen See ist nicht ohne, die Neubauten recht stylish, die alten Häuser aus rotem Backstein im Industrial Style sind auch recht hübsch (oder werden gerade nach und nach saniert…). In Jekaterinburg gibt’s was ganz tolles – eine rote Linie die durch die ganze (sehenswerte) Stadt führt inkl. Online Audio-Guide. Man flaniert also die 6,5 Kilometer durch die Stadt und hört sich immer wieder Hintergrundinfos an. War recht begeistert davon!

Ich habe die Geschichte hinter dem Ende der Zaren-Familie gehört, über die Druckerei die in den 1920ern gebaut wurde und deren Fensterfront den langen Papierrollen nachempfunden wurde, den Architekten der roten Backsteinhäuser kennengelernt, übers Beatles-Denkmal was erfahren und über den Erfinder des Radios usw. Und dass beim Bau der U-Bahn in Jekaterinburg (die der in Moskau an hübschen Stationen in nichts nachsteht) so viele Rohstoffe und Edelsteine gefunden wurden, dass die tatsächlichen Baukosten minimal waren.

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Ein Backsteinhaus in Jekaterinburg

Warum ich hier Halt gemacht habe? Weil kurz vor Jekaterinburg die Grenze zwischen Europa und Asien durch den Ural verläuft. Das Denkmal dazu ist recht unspektakulär – Eisenpfeil mit Strich davor und Souvenir-Shop direkt neben der Autobahn. Das obligatorische Foto mit einem Haxerl auf jedem Kontinent habe ich dennoch gemacht.
Ja und der Ural? Um den zu sehen, habe ich am Abend von Tag 1 ein Auto ausgeborgt und bin damit Richtung Norden in die White Mountains gefahren um ihn mir an Tag 2 anzuschauen. Entlang der Straße wieder endlose Birkenwälder! Dazwischen immer wieder mittelgroße Seen und Industriestädte – die ganze russische Rüstungsindustrie wurde Mitte des 2. Weltkriegs hierher übersiedelt und ist bis heute geblieben. Und abgebaut wird auch alles, was sich so abbauen lässt. Kupfer, Erz, Edelsteine…
Ein riesiger Gebirgszug wollte keiner auftauchen! Je weiter ich fuhr, es gab immer nur mehr Birkenwälder. Auch die White Mountains waren bestenfalls als Hügel zu bezeichnen. Der Ural ist nämlich kein sonderlich hohes Gebirge – der höchste Berg ist etwa 1.800 Meter hoch. Und bei Jekaterinburg hat der Ural dann nur noch Höhen von max. 400 Meter…bei deiner Höhe von Jekaterinburg von etwa 250 Metern über dem Meeresspiegel. Also nix da Gebirge! Man hätte sich ja auch vorher einlesen können. Schön wars trotzdem! Ich habe viele kleine russische Kaffs mit Kirchen mit goldenen Zwiebeltürmchen und Holzhäusern (teilweise so richtige Blockhütten) gesehen und festgestellt, dass die russischen Straßen ganz wunderbar breit und hervorragend ausgebaut sind.

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Die Grenze Asien-Europa

Ja, und am Abend von Tag 2 bin ich wieder in den Zug gestiegen und weitergefahren. Und da bin ich nun – Mitten in Sibirien! Birken gibt es noch immer! Aber die stehen nur noch vereinzelt oder in kleinen Grüppchen herum und sind nicht mehr sonderlich hoch gewachsen. Und Sümpfe gibt es auch noch zahlreiche. Dazwischen – endloses, flaches, saftig grünes Grasland, mit kleinen Stauden dazwischen. Und immer wieder – Industriebauten und Holzhäuschen mit großen, guten gepflegten Gemüsegärten. Man sieht auch viele schwarze Raben auf Stromleitungen und allem auf dem man sonst so sitzen kann – und es heißt ja die Raben aus Sibirien würden bei uns überwintern. Vielleicht sieht man den einen oder anderen davon daheim mal wieder.

Wie es so mit der Kommunikation klappt? Es geht, man kommt schon durch. Zeigen, lächeln, winken, nicken, verzweifelt schauen – dann geht das schon. Im Guide-Buch das die Stadt Jekaterinburg aufgelegt hat, steht „Die ältere Generation von Russen hat kein Englisch gelernt. Wenn sie jemand brauchen der dolmetscht – sprechen sie jemand unter 30 an. Der kann ihnen weiterhelfen!“ Und es ist tatsächlich so! Wenn ein junger Russe oder eine junge Russin mitbekommt, dass ich gerade so gar nicht verstanden werden, kommen sie meist zur Hilfe geeilt und erklären der älteren Person, was gerade mein Anliegen/Frage ist. Und das Englisch der Jungen ist ganz ausgezeichnet!
Und dass ich kyrillisch Lesen gelernt habe, war auch kein Fehler und hilft bei der Orientierung (Stadtplan lesen, Namen von Metro-Stationen lesen, Straßennamen usw) ungemein weiter. Auch wenn ich lese wie ein Erstklässler und mir jeden Buchstaben einzeln vorsagen muss bis ich das Wort zusammensetzen kann.

So, es ist mal wieder Zeit zum Essen. Denke ich. In irgendeiner Zeitzone. Ähm…oder für Kaffee…ja…also…

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Weiterführende Informationen:

Audioguide Red Line:
Die „Red Line“ in Jekaterinburg ist eine rote Linie, die am Asphalt auch aufgemalt ist, die die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt in einem Rundgang abdeckt. Dazu gibt es einen Audioguide mit Hintergrund- und Detailinformationen zu den Sehenswürdigkeiten. Den Audioguide zur Red Line in Jekaterinburg findet man unter: ekbredline.ru

Autovermietung:
Die internationale Kette AVIS hat eine Anmietstation am Flughafen von Jekaterinburg.

Hotel:
Marins Park Hotel
Das Hotel liegt dem Bahnhofsgebäude direkt gegenüber, was bei unmöglichen Ankunftszeiten des Zuges ein großer Vorteil ist, hat 3-Sterne und ist sicher eine gute Wahl. Ins Stadtzentrum sind es zwar circa zwei Kilometer zu Fuß oder ein paar Stationen mit dem Bus, der direkt vor der Hoteltüre abfährt.

 

Transsibirische Eisenbahn

StepMap Transsibirische Eisenbahn

 

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