TRANSSIBIRISCHES TAGEBUCH (8) – Die längste Etappe

Etappe: Ulan Ude – Chabarovsk
Kilometer: 5.509 bis 8.493KM
Zughaltestellen: Ulan Ude – Petrovskij Zavod – Chilok – Cita – Skovorodino – Magdagci – Svobodnyi – Belogorsk – Bureja – Obluce – Birobizdan – Chabarovsk

Ich befinde mich gerade auf meiner längsten Etappe, 2.984 Kilometer oder in Stunden: über 50 (!!!). Ja, ich bin hier um mit dem Zug zu fahren, aber dennoch ist es eine mühsame Etappe. Von anstrengend kann man ja nicht sprechen – man tut ja nichts. Da kann einen auch nichts anstrengen.

Mein Abteilkollege war schon im Zug als ich eingestiegen bin und reist nur mit einem kleinen Handtäschchen (das wesentlich kleiner ist, als alles was ich an Handtäschchen so besitze). Keine Tasche, keine Zeitung, kein Buch. Von den letzten 30 Stunden hat er sicher 25 verschlafen. Und er schläft wirklich tief und fest und gibt laute Schnarchlaute von sich. In seinem Handtäschchen hat auch kein zweites Shirt Platz, dass heißt er hat mittlerweile auch etwas Geruch angesetzt und ich rätsle schon, wann er aussteigen wird und ob ich ihn dann beobachten kann wir er eine Riesentasche aus dem Gepäckwagen hievt oder ob er tatsächlich solche Distanzen mit einem Handtäschchen hinter sich legt. Und wenn er nicht schläft, dann schaut er in die Luft. Er ist ein Rätsel!
Dass er ein Krimineller auf der Flucht ist, ist das der wenigen auszuschließenden Szenarien – beim Fahrkartenkauf muss man nämlich seine Ausweisnummer angeben und der Ausweis wird beim Einsteigen in den Zug auch kontrolliert. Da hätte ihn die Polizei nach einem Abgleich mit der Zug-Datenbank relativ schnell. Aber vielleicht wissen die auch noch nicht, dass er etwas Illegales getan hat, er ist ihnen drei Schritte voraus und setzt sich dann von Wladiwostok aus, nach Nordkorea ab.

Leider habe ich für meine längste Etappe den ältesten Wagon (noch aus den Wagon-Werken der DDR) meiner bisherigen Reise, eine Klimaanlage die tut was sie will (frieren und schwitzen wechseln sich ständig ab), nur vier Steckdosen für alle, keine Duschen und übellaunige Zugbegleiterinnen. Bisher waren alle Zugbegleiter überaus nett und freundlich und haben sich sehr bemüht mit Händen und Füßen mit mir zu kommunizieren. Die jetzigen sind sehr ruppig und wollen so gar nicht verstehen was ich will (was nicht viel ist – eine Teetasse, wie lange der Zug in der Station Aufenthalt hat). Aber nicht nur mich granteln sie an, die anderen Passagiere fauchen sie auch immer wieder wegen diverser Vergehen an.

Vor der Abteiltür herrscht auch endlich etwas Leben – ein paar Kinder haben den wunderbar langen Gang mit Linoleumboden zu einer Matchboxautorennbahn umfunktioniert. Jetzt tut sich da endlich etwas und es wird gequietscht, angefeuert und gejubelt!
Der Rest der Reisenden beschäftigt sich still. Zu den bisher beschriebenen Tätigkeiten wie lesen, schlafen, Film schauen, kommt nun eine Dame die ein Ikonenbild aus Perlen stickt (?). Sonst alles wie bisher.

Die Landschaft ist die bisher abwechslungsreichste (abgesehen von der Strecke am Baikalsee entlang) – es ist hügelig, wir fahren Flüssen entlang, es gibt die üblichen Birkenwälder und Nadelwälder, es stehen Holzhaussiedlungen herum. Das Auge freut sich über die Kombination von Fluss, Bahntrasse und bewaldeten Hügeln. Wir sind an einem Schrottplatz für alte Militärfahrzeuge vorbeigerollt, die Panzer und ausrangierten Autos standen in Reih und Glied, aber mit kaputten Scheiben, ohne Türen, mit Dellen usw. Was mir auch schon aufgefallen ist – alle Flüsse hier dürfen fließen wie sie wollen! Keine Uferverbauung, Hochwasserschutz, Uferbegradigung…man könnte sie vermutlich jahrelang mit dem Kajak befahren, sein Zelt am Ufer aufbauen, einen Bärenschutzwall errichten usw.
Ab und an fährt der Zug auch einer Hügelflanke entlang und man sieht von oben auf das darunterliegende Flusstal – auch eine schöner Anblick. Vor allem da sich bisher ja alles auf Augenhöhe abgespielt hat.

Oh, die Kinder haben die Matchboxautos weggeräumt, jetzt werden die Fidget Spinner gedreht!

Und gestern Abend ist kurzzeitig vor dem Zugfenster die Welt untergegangen – wir sind durch eine Regenfront gefahren und draußen war alles nur noch grau in grau. Dicke Tropfen sind an den Scheiben heruntergelaufen und im Zug wurde es ganz duster.
In den frühen Morgenstunden konnte man dann den Dunst/Nebel in der aufgehenden Sonne im Birkenwald bestaunen.
In Russland bekommt man Wetterwarnungen übrigens automatisch von seinem Netzbetreiber per SMS. Ich wurde vor den Unwettern gewarnt und mir wurde geraten heute „nicht übers Wasser zu gehen“. Hatte ich auch nicht vor. Aber gut, dass es gesagt wurde.

Im Speisewagen habe ich einen englischen Fußballfan(fanatiker) kennengelernt, der mit einigen Mitreisenden trotz fehlender gemeinsamer Sprache schon Freundschaft geschlossen hat. Von John (klar, ich meine wir könnte ein Engländer auch anders heißen), haben ich erfahren, dass England so lang um den WM-Titel mitgespielt hat, dass er gezwungen ist seine Reise von Moskau nach Wladiwostok in einem durch zu machen. Und dass die russischen Armee Truppenverschiebungen per Bahn abhandelt. Seine neuen Freunde waren nämlich alles Matrosen der russischen Armee die in St. Petersburg zu einer Truppenübung waren (zumindest hab ich das der pantomimischen Vorführung nach so verstanden) und noch am Weg zurück nach Wladiwostok zum Flottenstützpunkt. 7 Tage im Zug – ob das wohl als Arbeitszeit gilt?

Der Zug rattert weiter, die Landschaft zieht vorbei…und irgendwann werden ich auch in Chabarovsk ankommen!

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2 Gedanken zu “TRANSSIBIRISCHES TAGEBUCH (8) – Die längste Etappe

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